Kunst im Tunnel: Street-Art-Projekt an der Bismarckstraße wächst

Die dritte Welt von Künstler Sponk nimmt Gestalt an

Die Unterführung an der Bismarckstraße ist für viele ein funktionaler Ort: Als Verbindung zwischen den Stadtteilen und auf dem Weg zur ZOOM-Erlebniswelt wird sie stark frequentiert. Vor ein paar Wochen habe ich Graffitikünstler Dan Geffert alias Sponk bei seiner Arbeit besucht.

Mit seinem großflächigen Wandprojekt verändert er diesen Raum grundlegend. Auf aktuell rund 600 Quadratmetern – perspektivisch etwa 800 – entsteht hier ein Bildkonzept, das sich thematisch an verschiedenen Lebensräumen orientiert und gleichzeitig gesellschaftliche Entwicklungen reflektiert. Das Projekt startete bereits 2020 in Kooperation mit dem Kulturreferat der Stadt Gelsenkirchen. Das folgende Video zeigt euch einen Überblick darüber, was in den letzten Jahren entstanden ist.

Natur als Ausgangspunkt

Der erste Abschnitt greift das Thema Afrika auf, angelehnt an eines der Areale in der nahegelegenen ZOOM-Erlebniswelt. Zu sehen sind typische Motive wie Löwen, Wildtiere und eine weitgehend unberührte Landschaft. Auffällig ist dabei die Kombination aus ästhetischer Darstellung und inhaltlicher Brechung: Neben kraftvollen Tiermotiven tauchen auch Szenen auf, die Verlust oder Jagd zeigen. Schönheit und Härte der Natur stehen gleichwertig nebeneinander.

Sponk bei der Arbeit

Übergang zum menschlichen Einfluss

Im weiteren Verlauf verändert sich die Bildsprache. Natürliche Motive werden zunehmend durch menschliche Eingriffe ergänzt: einfache Behausungen, Müllansammlungen und industrielle Elemente. Einzelne Symbole verdichten diese Entwicklung – etwa eine Ampel, die nur noch Rot zeigt, oder ein weggeworfener Ehering (Die Ehe To-Go) in einem Versandkarton. Diese Elemente sind bewusst einfach gehalten, um unmittelbar verständlich zu sein.

Auch lokale Bezüge sind integriert, etwa ein beschädigter, blauer Teddybär als Verweis auf den FC Schalke 04 und die emotionale Bindung der Fans unabhängig vom sportlichen Erfolg.

Kontrastreiche Eiswelt

Ein zweiter großer Abschnitt auf der gegenüberliegenden Straßenseite widmet sich einer Eislandschaft. Statt einer rein kühlen Farbpalette arbeitete Sponk hier mit warmen Lichtstimmungen, insbesondere durch eine Sonnenuntergangsszene.

Eine Eisbär-Familie, Pinguine und ein Orca sind eingebettet in eine Landschaft, die gleichzeitig ruhig und dynamisch wirkt. Auch, wenn der Orca nicht in der Themenwelt Alaska im ZOOM vorkommt, war es Sponk wichtig, direkt mit einem großen Motiv am Eingang einen Blickfang zu erzeugen. Außerdem gibt es immer noch sehr viele Free-Willy-Fans, die sich direkt angesprochen fühlen, weiß er aus Gesprächen mit Passanten zu erzählen.

Ergänzt wird diese Szene durch ein massives Bauwerk, das sowohl an ein Schloss als auch an ein Kraftwerk erinnert. Es wird als vergitterter, wenig einladender Ort inszeniert. Dem gegenüber stehen Naturmotive und ein ausgebrochener Waschbär mit Pinsel, der als Gegenfigur gelesen werden soll.

Dschungel als dichter Bildraum

Im dritten Teil verschiebt sich der Fokus erneut. Der dargestellte asiatische Dschungel verzichtet bewusst auf einen klassischen Horizont und setzt stattdessen auf dichte, detailreiche Strukturen. Kleinere Tiere und Pflanzen rücken stärker in den Mittelpunkt. Gleichzeitig bleibt der grafische Ursprung des Künstlers sichtbar: Elemente aus dem Graffiti werden mit plastischen, räumlichen Effekten kombiniert.

Graffiti in der Unterführung mit einem Tieren aus der Asienwelt
Mit der richtigen Sonneneinstrahlung wird die Schlange richtig in Szene gesetzt

Wirkung im Alltag

Die Wirkung des Projekts zeigt sich in den vielen positiven Feedbacks, die Sponk während seiner Arbeit im Tunnel direkt mitbekommt. Besonders ist ihm dabei die Geschichte einer älteren Dame ans Herz gegangen, die den Weg durch die Unterführung jeden Tag zum Friedhof geht, um das Grab ihres Mannes zu besuchen. Sie bedankte sich bei dem Künstler, weil sich dieser für sie so schwere Weg jetzt mit den vielen farbenfrohen Motiven zu einem positiven Erlebnis mit immer neuen Eindrücken gewandelt hat.

Einschränkung durch fehlende Beleuchtung

Eigentlich wurden im November 2020 extra für die Beleuchtung der Unterführung moderne LED-Lampen angebracht. Seit 2022 sind dieses leider abgeschaltet, um Strom zu sparen. Aufgrund der baulichen Situation gelangt nur wenig Tageslicht hinein, wodurch die Bildwirkung deutlich eingeschränkt ist. Farben und Details sind schlechter erkennbar, insbesondere in den tieferliegenden Bereichen. Einige Bereiche reflektieren sehr stark, andere werden von der Dunkelheit verschluckt.

Aus Sicht des Künstlers ist die Beleuchtung ein zentraler Bestandteil des Gesamtkonzepts. Gerade weil viele Besucher – darunter Schulklassen und Zoogäste – die Unterführung als ersten Kontaktpunkt mit der Stadt nutzen, spielt die visuelle Wahrnehmung eine wichtige Rolle.

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt

Die Asienwelt ist aktuell noch nicht finalisiert (Stand Mai 2026). Neben dem Bild des scheuen roten Pandas sind die Skizzen für die kommenden Motive auf der Wand schon zu erkennen. Und es ist Platz für mehr: Auf der gegenüberliegenden Seite soll z. B. ein Unterwasserwelt-Konzept realisiert werden. Immer mal wieder in Bismarck vorbeizukommen lohnt sich also – und wer weiß, vielleicht geht bald auch wieder das Licht an?


Mehr über Sponk und seine Arbeit erfahrt ihr auf diesen Kanälen:
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