Plaindrifter mit neuem Album
„Gestalt“ erscheint am 19.6.2026
Ein paar Tage vor der Veröffentlichung des neuen Albums „Gestalt“ der Stoner-Rock-Band Plaindrifter habe ich mit Uwe, Nils und André in ihrem Proberaum in Herne gesprochen. Bevor das Interview startet, noch ein kurzer Rundumschlag – wer sind die denn eigentlich? 😉
>>> 2017 beschlossen Uwe (Schlagzeug & Gesang), Nils (Gitarre) und André (Bass), ihrer Liebe zu schweren Riffs zu folgen, und gründeten Plaindrifter. Die drei sind in Gelsenkirchen aufgewachsen und bewegen sich musikalisch seither auf psychedelischem Terrain, unter dem starken Einfluss von Stoner-Rock-Szenegrößen wie Truckfighters oder Elder. Am Freitag, 19.6.2026 erscheint mit „Gestalt“ das zweite Album der Band.
Wie geht es euch jetzt, kurz vor dem Release?
Nils: Ich bin entspannt und warte einfach ab. Gespannt bin ich auf die Reviews, aber ohne große Nervosität. Ich freue mich einfach, dass es jetzt endlich komplett hörbar ist.
Uwe: Ich bin sehr gespannt, wie es als Gesamtwerk ankommt. Die beiden Singles kamen schon gut an. Als Gesamtwerk wird es, glaube ich, noch mal eine Ecke stärker.
André: Dem würde ich zustimmen. Wir setzen uns schon so lange mit dem Material auseinander – es wird einfach Zeit, dass es rauskommt. Endlich!

Fünf Jahre, ein Album – Wie „Gestalt“ entstanden ist
Ihr habt mit einigem Material schon sehr lange gearbeitet – wie kam das?
Nils: Den Zwischenpart von „Debaser“ haben wir zum Beispiel schon vor rund drei Jahren live gespielt, einfach um die Sets mit etwas Neuem zu füllen. Mit der Zeit sind die Songs gereift, es kam etwas dazu, manches wurde verändert – die Texte kamen erst ganz zum Schluss. Man kann eigentlich sagen, dass die eine Hälfte des Albums aus zwei Songs besteht, die wir schon länger spielen und die noch weiter gewachsen sind und die andere Hälfte sind komplett neue Sachen, die wir jetzt zwar auch schon mal live gespielt haben, die aber noch keiner in seiner finalen Form, wie es auf der Platte ist, kennt.
Warum hat das fünf Jahre gedauert?
André: Leben, ganz einfach. Während der Entstehungszeit kam mein zweites Kind, und der Fokus lag erstmal woanders. Wir arbeiten alle noch nebenbei und schaffen meist ein Probe-Treffen pro Woche – aber um wirklich tief in neue Songs einzutauchen, braucht es die richtige Stimmung, und die war nicht immer da.
Nils: Bei mir kam dazu, dass ich nach einer Handgelenks-OP monatelang raus war. Riffs und Grundideen bringe ich meist mit, den Rest entwickeln wir gemeinsam im Proberaum – aber in dieser Phase kam ich kaum dazu.
André: Nach dem ersten Album waren wir von den Aufnahmen ziemlich durch und brauchten eine kurze Pause, auch voneinander. Außerdem wollten wir neue Elemente einbauen, mit denen wir noch wenig Erfahrung hatten – etwa das Piano, gespielt von einem Freund. Das musste erst organisiert werden.
Uwe: Aber lieber etwas länger, dafür besser.
Steckt hinter dem Titel „Gestalt“ eine Bedeutung – etwas Philosophisches, oder beschreibt er das Album als Ganzes?
Uwe: Wir haben uns gemeinsam für den Titel entschieden, der Vorschlag kam aber aus einer Brainstorming-Liste von André – man trägt viele Ideen zusammen und fragt sich am Ende: Was passt zu allem?
Nils: Wir saßen bei Uwe auf der Couch, Andi hat seine Liste mal rumgegeben, und ich meinte: „Gestalt ist schon geil.“ Einfach mal einen deutschen Titel zu nehmen, das fanden dann alle gut.
Danach haben wir recherchiert – und alles hat Sinn ergeben: „Gestalt“ ist auch ein Begriff aus der Psychologie, der im Englischen bekannt ist, also international verständlich, obwohl deutsch. Unser Label-Chef hat uns sogar dafür gelobt, weil er den Begriff sofort kannte.
Uwe: Der Titel verbindet auch die einzelnen Songs – bei jedem kann man sich unter „Gestalt“ etwas vorstellen.
André: Für mich ist das ganze Album selbst eine Art „Gestalt“, an der jeder von uns rumbastelt und seinen Teil beiträgt, fast wie ein Golem. Das passt, weil wir alle ziemliche Perfektionisten sind und so viel Zeit und Arbeit reingesteckt haben
Was die Bedeutung angeht: Wir stellen Dinge bewusst in den Raum und überlassen den Leuten die Interpretation. Die Texte sind deshalb etwas kryptischer formuliert. Nicht zu platt, nicht zu eindeutig. Wir halten es bewusst vage, um einen Impuls zu senden, der bei manchen etwas auslöst und bei anderen nicht. Das finde ich einen schöneren Ansatz, als alles plattzusprechen. Da gehört auch ein bisschen Zerdenken dazu, aber es lohnt sich.
Uwe: Und die „Gestalt“ ist zum Glück kein Frankensteins Monster geworden, sondern eigentlich ganz schick.
Du hast auch das Artwork gemacht – kam zuerst der Name oder das Bild?
André: Eigentlich war zuerst das Artwork da, der Name kam ein bisschen später. Im Studio gab es schon eine erste Idee dafür, und als wir danach den Titel ausgewählt haben, hat sich das Konzept noch mal bestätigt – dass wir das wirklich „gestalten“ können.
Am Anfang war also erst ein Bild da, dann dachten wir: Das passt. Danach haben wir beides noch mal verfeinert. Bild und Name sind am Ende ineinandergeflossen, das Konzept hatte ich beim Erstellen des Bildes eigentlich schon im Kopf.
Ihr musstet mitten in der Aufnahme-Session aus dem Studio raus – was ist da passiert?
Uwe: Das hat mich ehrlich gesagt extrem genervt. Unser Producer Robin Stirnberg, mit dem wir schon das erste Album gemacht hatten, hatte sich gerade frisch mit zwei anderen Leuten in ein Studio eingemietet. Mitten in unseren Aufnahmen wollte einer der beiden plötzlich mehr Miete von Robin – was aber für Robin dann finanziell nicht mehr rentabel gewesen wäre. Statt Rücksicht auf unsere verbleibenden fünf Tage zu nehmen, hieß es einfach: Sonntag müsst ihr raus sein.
Also: Freitag Studio aufgebaut und Sound eingestellt, Samstag 13 Stunden durchgehend Schlagzeug aufgenommen (nach sechswöchiger Sehnenscheidenentzündung), Sonntag Umzugstag – den Abend mussten wir erst mal mit einem Bier verdauen. André ist sogar für ein paar Tage bei mir eingezogen, was eigentlich unser Plan für die ganze Aufnahmezeit war – einmal komplett zu dritt in einer Art Bandwohnung. Im Nachhinein ist das eine lustige Geschichte, die man erzählen kann, am Ergebnis hat es wohl nichts geändert, aber ultra nervig war es trotzdem.
Nils: Wichtig war vor allem, dass das Schlagzeug an einem Ort aufgenommen wurde, damit der Sound einheitlich bleibt – deshalb hat Robin alles an diesem einen Tag durchgezogen, während André und ich nur mit Essen und Trinken helfen konnten. Den Rest haben wir dann hier im Proberaum aufgenommen, das kannten wir schon vom ersten Album. Ein paar von Robins Sachen sind danach bei uns stehen geblieben – Glück im Unglück, denn so konnten wir vor allem meine Solo-Parts später noch mal in Ruhe nachproduzieren. Schade war nur, dass die Erfahrung fehlte, abends gemeinsam über das Material zu reden – das holen wir beim dritten Album nach.

Sieben Minuten als Einstieg – Die Singles und ihre Auswahl
Die erste Single „Moth Murmuration“ ist über sieben Minuten lang und braucht eine Weile, bis der Schub kommt – gab es ein Auswahlkriterium für die erste Auskopplung?
André: Das eigentliche Kriterium war eher, dass dieser Song zu den kürzesten auf dem Album gehört – die meisten liegen so um die sieben Minuten, einer geht fast Richtung zehn.
Nils: Eigentlich wollten wir mit „In Anima“ starten, dem Track der zweiten Single – der hat einen richtigen Krach-Opener, perfekt für ein Comeback. Aber dazu haben wir ein aufwendiges Musikvideo gedreht, mit Ryan Garney von High Desert Queen als Gastsänger, und wollten uns dafür Zeit lassen. Also kam „In Anima“ als zweite Single, erst mit Lyric-Video, ohne Druck bei der Produktion – genau umgekehrt, als ursprünglich geplant, aber das finde ich gar nicht schlimm.
Uwe: Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden: Es ist ein entspannter Einstieg, repräsentativ für unsere Musik.
André: Man muss sich Zeit nehmen und sich darauf einlassen, wir brauchen Platz zum Entfalten. Das ist eine andere Hörerfahrung, als viele gewohnt sind: „Acht, neun Minuten – wann soll ich das hören?“ ist quasi unser Eintrittspreis.
Uwe: Aber wenn man sich darauf einlässt, vergeht die Zeit schneller, als man denkt.
Nils: Viele hören die Songs gerade wegen der Länge mehrmals, um alles zu checken. Genau das wollen wir erreichen.
Die zweite Single habt ihr mit dem Sänger von High Desert Queen gemacht – wie lange arbeitet ihr schon mit denen zusammen?
Uwe: Kennengelernt haben wir uns, weil wir unsere ersten Alben im selben Monat veröffentlicht haben und uns über die Doom Charts aufgefallen sind. Ryan schrieb uns daraufhin, dass High Desert Queen nach Europa kommen, und fragte, ob wir gemeinsam auftreten wollen – damals noch viel kleiner als heute, ohne eigenes Equipment, wir sollten die Backline stellen.
André: Verrückt eigentlich: Wir hatten gerade unser erstes Album draußen, kannte uns kein Mensch – und dann schreibt uns eine Band aus Amerika. Das erste Treffen war in Asendorf, mitten auf dem Land zwischen Osnabrück und Bremen – bis zuletzt dachten wir, vielleicht werden wir gescammt und da kommen gar keine echten Amerikaner.
Uwe: Aber dann saßen plötzlich super liebe, nette, liberale Menschen vor uns, und es hat sofort gefunkt. Am nächsten Tag sind wir gemeinsam nach München gefahren, haben ein paar coole Tage verbracht – und sind seitdem befreundet.
Ryan hat uns seitdem viel geholfen, etwa bei der Labelsuche, und übernimmt mittlerweile auch ein bisschen unser Booking. Irgendwie stand gar nicht groß die Frage im Raum, ob er Bock auf ein Feature hätte, auch als eine Art Danksagung. Es hat uns natürlich sehr gefreut, dass er keine Sekunde gezögert hat zuzusagen.
Nils: Er ist eigentlich schon seit dem ersten Album Fan von uns. Über ihn sind super viele Connections entstanden, und ohne ihn wären wir wohl nie bei Ripple Music gelandet – eines der größten und angesehensten Indie-Stoner-Labels, mit Szene-Legenden wie Yawning Man im Roster. So einen Türöffner zu haben, ist Gold wert.
Auf dem Album ist auch Lena Schneider zu hören?
Nils: Genau – Lena ist meine Freundin und singt mit. Beim ersten Album hatten wir kaum Gesangspassagen, jetzt haben wir bewusst mehr reingepackt.
An ein paar Stellen fehlte einfach noch etwas – auch weil wir live nur eine Gitarre haben und solche Parts nicht wie auf Platte umsetzen können. Ich wusste, dass Lena dieses atmosphärische, fast „bansheeartige“ Singen und mehrstimmige Harmonien sehr gut kann. Als das Album eigentlich schon fertig war, habe ich ihr zu Hause, so wie ich es konnte, vorgesungen, was ich mir vorstelle und hab sie dann alleine machen lassen. Was sie zurückgebracht hat, mehrere Stimmen übereinander, war richtig geil. Das ging direkt an Robin, der es eingebaut hat. Es ist also kein richtiger Textgesang, sondern atmosphärische Vocals über bestimmten Parts.
Live ist anders
Wie setzt ihr solche Parts live um?
Uwe: Ich versuche, Lenas Gesang live so gut wie möglich nachzumachen – teilweise ist das ja sogar doppelstimmig, und das hat im Proberaum erstaunlich gut funktioniert.
André: Bei manchen Album-Elementen, etwa bestimmten Keys, haben wir live (noch) keine Lösung – da fragen wir uns immer: Wie wichtig ist das für den Song, und wie groß wäre der Aufwand, es umzusetzen? Uns ist wichtig, dass wir den Großteil eines Songs selbst live reproduzieren können.
Uwe: Live klingt unser Sound ohnehin anders, das ist auch gut so. Ich mag es, auch mal spontan zu spielen und vom Album abzuweichen. Wenn man sich in einen Part hineinsteigert, wird es automatisch schneller und intensiver – das ist einfach Spielspaß.
Wie kam das Keyboard mit dazu – riskante Entscheidung oder hat sich das früh richtig angefühlt?
Nils: Die Idee kam, weil ich viel Elder gehört habe, eine unserer absoluten Lieblingsbands, mit der wir songwritingmäßig sowieso oft verglichen werden. Die legen an bestimmten Stellen vor dem Main-Riff einfach Orgel-Akkorde unter, und ich dachte, das könnte bei uns auch passen.
Wir kennen seit der fünften Klasse einen gemeinsamen Freund, Phil, der seit seiner Kindheit Orgel spielt, auch Kirchenorgel. Wir haben ihn gefragt, er hatte Bock, und gemeinsam haben wir die Akkorde rausgehört und ein paar Varianten ausprobiert. So sind an ein paar Stellen, einfach um die Energie etwas zu heben, die Orgel-Parts entstanden – dazu kommen noch Klavier-Arpeggios und an ruhigeren Stellen Synth-Akkorde. Keine wilden Soli, alles dient nur dazu, das Gefühl zu untermalen.
Hat euch das Ergebnis selbst überrascht?
Uwe: Vor allem bei „In Anima“, dem Song, an dem wir am längsten gearbeitet haben, hat uns die Orgel an einer Stelle wirklich überrascht – das gab der Passage noch mal mehr Tiefe. Ich war anfangs skeptisch, bin inzwischen aber sehr zufrieden.
André: Am Ende haben wir diesen Elementen mehr Platz gegeben, als geplant, weil es einfach so gut funktioniert hat – es hat jeden Part verbessert, in dem wir es eingebaut haben.
Nils: Wir haben sogar einen rund zweiminütigen Song, der eigentlich nur Intro für einen anderen ist, bei dem Phil eine sich steigernde Melodie spielt – dem haben wir bewusst extra Platz gegeben.
André: Die Zusammenarbeit mit ihm war auch deshalb spannend, weil er musikalisch viel gebildeter ist als wir – bei uns läuft vieles eher nach Gefühl, er konnte uns dagegen genau erklären, welche Tonleiter wohin passt. Wenn er dürfte, würde er uns überall komplette Soli drüberlegen.
Wie war das Feedback auf eure Live-Auftritte mit den Singles?
Uwe: Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit dem Feedback. Im persönlichen Umfeld kam es bisher gut an, im Wohnzimmer GE, unserem letzten Gig vor dem Release, haben Leute schon gefragt, wann man das Album kaufen kann.
André: Wir sind da unsere eigenen schärfsten Kritiker und können aber selbstbewusst hinter dem Ergebnis stehen.
Nils: Wir sind glücklicherweise in einer sehr vernetzten, ehrlichen Stoner-Szene in NRW unterwegs – Tobi, mein Bandkollege von Schubmodul gibt uns zum Beispiel ständig Feedback, hat das Album schon komplett gehört und sagt uns, bei welchem Song er noch nicht ganz reinkommt. Letztlich ist Musikgeschmack individuell, aber qualitativ würde ich sagen: Hier in NRW ist gerade alles auf einem richtig guten Niveau – und der Release wird zeigen, ob auch die Zahlen das bestätigen.
Szene mit Substanz
Die NRW-Stoner-Szene wächst – seit wann ist das so, und woran liegt das?
André: Das müsste so Mitte/Ende der 2010er angefangen haben, parallel zur großen Retro-Rock-Welle, die auch bei uns mit reinspielte – das war eine Art Initialzünder für viele neue Bands.
Uwe: In vielen Ruhrgebietsstädten gibt es ehrenamtliche Strukturen, die regelmäßig Konzerte organisieren – zum Beispiel das „AtMOERSphere“ in Moers, das „Blackwitch“ in Dortmund oder die „RuhrDÿne“ zwischen Bochum und Essen, und in Duisburg soll auch wieder etwas entstehen.
André: Man läuft sich bei Konzerten ständig über den Weg, weiß, wen man für Video oder Produktion fragen kann – das fühlt sich wirklich nach einer lebendigen Szene an.
Wolltet ihr beim zweiten Album bewusst etwas anders machen, oder einfach weiterführen, was euch ausmacht?
Uwe: Komplett anders würde ich nicht sagen – eher aufbauend auf dem, was uns beim ersten Album ausgemacht hat. Nils hat ein sehr gutes Gefühl für Melodien, wir haben oft gehört „das klingt nach euch“ – wir haben versucht, das weiter zu verfeinern und ein paar progressivere Elemente einzubauen. Den Gesang haben wir bewusst mehr in den Vordergrund gestellt, weil er sich in den letzten Jahren verbessert hat. Das ist eine konstante Weiterentwicklung.
Nils: Am Anfang hatte Uwe gerade erst richtig mit dem Gesang angefangen. Jetzt trauen wir uns da einfach mehr zu. Beim Schreiben lasse ich mich von dem inspirieren, was ich gerade höre – auf diesem Album stecken etwas mehr Post-Rock-Einflüsse, weil ich viel Fjørt gehört habe, und natürlich ist Elder sowieso jedes Jahr unter meinen Top-Bands. Ich bringe die Riffs mit, und sobald Schlagzeug und Bass dazukommen, verändert sich das Gefühl noch mal. Manche Riffs, die ich zu Hause langweilig finde, werden im Gesamtgefüge zu etwas ganz anderem. Direkt nach einem Album denke ich immer, mir fällt nichts mehr ein, aber dann fährt man auf ein Festival wie das Freak Valley, und plötzlich hat man wieder zehn Ideen im Kopf.
Uwe: Bei mir war es nach dem Album eher wie eine Art Wochenbettdepression. Mit der ganzen Arbeit für Label und Plattengestaltung fällt man erst mal in ein Loch und will das Album gar nicht hören.
André: Wer das nicht selbst erlebt hat, glaubt kaum, wie viel Maloche im Drumherum steckt. Auf diesem Album haben wir uns bewusst gefordert, vor allem gesanglich und rhythmisch – aber das oberste Maß ist immer: Macht uns das Spaß? Wenn nicht, bringt auch das verkopfteste Konzept nichts. Und cheesy darf es am Ende auch nicht sein.
Rollen, die sich ergeben haben – Texte, Kritik, Arbeitsteilung
Nils, schreibst du die Texte? Habt ihr feste Rollen?
Nils: Texte bin ich raus, aber ich bin der größte Kritiker.
André: Starke Meinung, aber keine eigenen Ideen 😊 Das wurde nie fest entschieden, es hat sich einfach so ergeben.
Uwe: Prinzipiell darf jeder alles machen, auch bei Texten kommen Ideen von allen.
Nils: Andi legt oft die Grundsteine für einen Text, und ich mache dann meine „oberkritische Blutgrätsche“ – schaue, ob etwas zu cheesy klingt.
André: Mir ist wichtig, dass Texte kryptisch genug bleiben und nicht zu platt rüberkommen. Wenn ich eine gute Band mit einem lieblosen Text höre, denke ich: Habt ihr da drei Sekunden drüber nachgedacht? Da setze ich mich lieber eine Woche an zwei Zeilen, bis sie mir gefallen.
Nils, du spielst auch bei Schubmodul – wie lässt sich das vereinbaren?
Nils: Bei Schubmodul haben wir einen festen Probetag, bei uns hier ist das flexibler – nur dienstags geht bei mir wegen Schichtdienst meist nichts, sonst variiert es je nach Alltag der anderen.
Bei Gigs gab’s bisher zwei Terminkonflikte – da zählt, was ich zuerst zugesagt habe, und ich muss die andere Band enttäuschen. Bei Schubmodul bin ich eher der, der mal raus ist, die anderen übernehmen dann mehr Organisation. Aber: Plaindrifter war zuerst da, das habe ich von Anfang an so gesagt. Da wir alle gute Freunde sind, zusammen auf Festivals fahren und uns gegenseitig supporten, fühlt sich das eher wie Familie an, kein Problem. Kennengelernt haben wir uns übrigens, als Schubmodul – damals ein typisches Corona-Projekt ohne festen Bassisten – uns als Vorband für unser erstes Album-Release vorgeschlagen hat. Ich dachte: Ich hab eh nichts zu tun, ich könnte da einsteigen – und so bin ich zum Bass gekommen.

Uwe, Schlagzeug und Gesang – wie anstrengend ist das live?
Uwe: Bei „Eternal Season“ gibt’s eine Passage, die in einen sehr rhythmischen Part übergeht – da bin ich live wirklich kurz vorm Kollabieren. Ich habe mich da in den letzten Jahren ziemlich gesteigert, merke aber auch, dass ich an meine Grenzen komme, koordinatorisch, von der Ausdauer, gesanglich. Aber vielleicht geht da noch was. Bisher habe ich es immer geschafft.
Gab es jemals die Überlegung, Gesang und Schlagzeug zu trennen?
Uwe: Im Prinzip ist diese Band aus einer Freundschaft entstanden. Wir haben mal überlegt, jemanden zu holen, der „nur“ singt – aber am Anfang ging es eher um die Frage: Wer kann am ehesten „nicht schlecht“ singen? Dann ist es bei mir gelandet, ohne dass wir groß drüber nachgedacht hätten.
Nils: Und weil du zum Glück so ein „Koordinations-Biest“ bist! Ich kann nicht Gitarre spielen und gleichzeitig singen. Das würde ich gar nicht hinkriegen.
Uwe: Vor ein paar Jahren hätte ich vielleicht noch gesagt, ein eigener Sänger oder eine Sängerin wäre okay – mittlerweile finde ich es aber auch ganz schön, dass es so ist. Klar gibt’s andere Bands mit eigenständigen Sängern, aber bei uns funktioniert das so – und zu dritt ist es einfacher als zu viert.
André, wie kriegst du Band und Familie unter einen Hut?
André: Das ist oft schwer – während der Albumaufnahmen war meine Tochter noch sehr klein. Kleine Kinder und gleichzeitig eine Band, das ist ein riesiger Spagat. Meine Frau unterstützt mich dabei sehr und bringt viel Verständnis auf, gerade in der Aufnahmezeit – das weiß ich zu schätzen.
Ich bin froh, dass es trotzdem geht, die Band ist für mich ein schöner Ausgleich. Was ich merke: Nach längeren Pausen ohne Live-Gigs muss ich mich erst wieder an meine eigene „Subkultur“ gewöhnen – man hat gerade noch die Kinder geknuddelt und steht kurz danach unter „verstrahlten Gestalten“ in irgendeinem Laden. Aber das ist halt mein Ding, und auch wenn es manchmal quietscht, ist es eine schöne Sache.
(dazwischen, von einem anderen Bandmitglied gerufen:) Am Ende bist du eh auch einer von den „Verstrahlten“.
Überaltert die Szene – fehlt Nachwuchs?
Nils: High Desert Queen zum Beispiel sind noch mal älter als wir – in dem Sinne sind wir eher der „Nachwuchs“. Die meisten Bands, die wir kennen, sind etwa in unserem Alter, aber wir haben auch schon mit gemischten Line-ups gespielt, mit Leuten Mitte 20.
Ob das wirklich „Überalterung“ ist oder eher Wahrnehmung, ist schwer zu sagen – man weiß ja oft gar nicht, wie alt die Person vor einem ist.
Uwe: Aber tendenziell fehlt schon etwas Nachwuchs, auf Konzerten sieht man selten viele Anfang/Mitte-20-Jährige. Vielleicht ist das aber auch eine Szene, in die man erst „reinwachsen“ muss. Ich würde es mir wünschen, dass etwas mehr Nachwuchs nachkommt.
André: Es ist vielleicht auch die Hürde und eine Frage des Geldes bei jungen Menschen: Du brauchst einen Proberaum, Instrumente, Equipment – das ist eine echte Einstiegshürde, anders als z. B. bei elektronischer Musik.
Uwe: Auf Social Media ist unsere Szene weniger präsent, da läuft eher poppigere Musik für junge Leute.
André: Andererseits spielen viele Bands durchaus in Jugendzentren, nur sind die nicht immer gut besucht, vielleicht ist das aktuell einfach nicht im Trend.
Ihr werdet oft mit Elder oder Howling Giant verglichen – findet ihr das einengend oder cool?
Nils: Das finde ich auf jeden Fall sehr geil – eine Wertschätzung dafür, dass das, was wir versuchen, offenbar funktioniert, ohne dass es eine Kopie ist. Skilltechnisch sind wir von solchen Bands meilenweit entfernt, aber wir entwickeln uns einfach in unserem eigenen Tempo, als Hobby-Musiker, aus Spaß.
Das Geilste war, als wir mit Teilen von Elder als Vorband für „Weite“ gespielt haben – Nick diSalvo meinte danach, wir hätten einen geilen Sound. Mehr brauchte ich gar nicht mehr, das war ein echter Ritterschlag.
André: Solche Momente, Backstage mit solchen Leuten zu stehen und zu denken „Wtf – Wir haben’s geschafft“, das ist eine schöne Bestätigung.
Texas wartet – Das Ripple Fest in Austin
Ihr spielt auf dem Ripple Fest in Texas – was erwartet euch dort?
Uwe: Es ist ein Festival über vier Tage an zwei Locations, indoor und outdoor – wir spielen an zwei Tagen, Donnerstag und Samstag, je einmal drinnen und draußen.
Auch hier kamen wir über Ryan dran, der einen guten Kontakt zu unserem Label-Chef hat. Ryan veranstaltet das Ripple Fest in Austin schon zum vierten Mal und hat uns letztes Jahr gefragt. Wir mussten nicht lange überlegen – André musste nur zu Hause klären, wie lange das zeitlich geht.
Es ist schon Wahnsinn: Wir fliegen mit überschaubarem Gepäck in die USA und treten dort als „Band aus Gelsenkirchen“ auf.
André: Gleichzeitig ist es ein bisschen wie ein Aufnahmeritual in die „Ripple-Familie“ – wir treffen vor Ort viele Leute, mit denen wir seit Jahren nur per E-Mail in Kontakt stehen, und das wird uns sicher auch beim Networking helfen.
Was erwartet ihr vom amerikanischen Publikum?
Uwe: Ehrlich gesagt habe ich mich noch nicht groß informiert, aber es wird sicher anders sein als hier. Austin soll, obwohl in Texas, eine sehr liberale Stadt mit großer Kulturszene sein, inoffiziell sogar die Musikhauptstadt der USA – ich erwarte ein offenes, freundliches Publikum.
André: Wenn ich uns mit High Desert Queen vergleiche, die machen viel Crowdwork und Entertainment, wir eher nicht – wir wollen über die musikalische Leistung überzeugen.
Uwe: Vielleicht ist es da sogar umgekehrt: Deutsche Fans lieben Ryans Ansagen und Bühnenpräsenz, weil sie das von europäischen Bands nicht kennen – in den USA kommt vielleicht gerade an, dass wir wenig von diesem Entertainment-Anteil haben. Aber das ist alles Vermutung.
Nils: Für uns wird das auch wie eine Art Urlaub – wir leihen uns Instrumente vor Ort von Freunden. Ich bin gespannt auf Leute, die uns seit Jahren auf Facebook folgen und jetzt extra mehrstündige Flüge planen, um dabei zu sein.
Welchen Track von „Gestalt“ würdet ihr jemandem empfehlen, der die Band noch nie gehört hat?
Uwe: „Eternal Season“ – mein persönlicher Lieblingstrack, der für mich alles enthält, was uns als Band ausmacht. Für jemanden, der uns nicht kennt, ist das gut komprimiert, und man merkt schnell, ob einem das gefällt.
André: „Debaser“ – da stecken ein, zwei Elemente drin, die man so nicht von vielen anderen Bands kennt, richtige Aufhorcher. Trotz der Länge wird man gut bei der Stange gehalten. Übrigens ist „Debaser“ der einzige Songtitel, der inhaltlich nicht direkt zu „Gestalt“ passt – aber man kann auch da einen Bogen schlagen.
Nils: „In Anima“ – vielleicht der verspielteste Track, aber er hat alle Elemente drin, die wir schon immer gemacht haben. Das ist der Song, der meiner ursprünglichen Vorstellung am nächsten kommt, und obwohl wir ihn schon so lange spielen, sind wir immer noch nicht müde von ihm.
„Gestalt“ erscheint am 19. Juni 2026! Wer sich die Zeit fürs Album nimmt, wird verstehen, warum die drei so lange daran gearbeitet haben. Lasst euch drauf ein! Ich lass die Platte gerade in Dauerschleife laufen und freue mich auf den nächsten Live-Auftritt!
Wer über Neuigkeiten zur Band sowie Tourdaten auf dem Laufenden sein möchte: https://www.instagram.com/plaindrifter/
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