Das Musiktheater im Revier eingetaucht in blaues Licht mit dem Schriftzug BLAU.

BLAU: Machen!

BLAU heißt das „utopische Musiktheater frei nach Yves Klein und Werner Ruhnau“, mit dem das Musiktheater im Revier am 19. September in die neue Spielzeit gestartet ist, die erste unter Generalintendant Frank Hilbrich. Inszeniert hat die Uraufführung das Kommando Himmelfahrt, hinter dem Komponist Jan Dvořák und Regisseur Thomas Fiedler stecken.

Regisseur Thomas Fiedler und Komponist Jan Dvořák
Regisseur Thomas Fiedler und Komponist Jan Dvořák

Sneak Peek

Vor der Premiere war ich bei einem Pressetermin und konnte mir inhaltlich einen Einblick verschaffen. Dabei hatte ich Gelegenheit, Teile der Inszenierung exklusiv vorab zu sehen.

Eine Schule der Sensibilität solle es geben. Eine Rektorin, die das Publikum als Schulklasse begrüßt und in vier Gruppen aufteilt: in B, L, A und U. Diese werden von vier singenden Lehrkräften durch das Musiktheater geleitet und absolvieren verschiedene Lektionen. Eine Station ist z.B. das Mausoleum von Werner Ruhnau, an einer anderen Station ist man aufgefordert, es sich auf einer riesengroßen – natürlich blauen – Kissenwiese gemütlich zu machen. Im Foyer des Musiktheaters rumliegen und die Decke anschauen! Das hat man nicht alle Tage! Und das Ganze eingerahmt von den monumentalen blauen Schwammreliefs des französischen Künstlers Yves Klein. Das hat mich so neugierig gemacht, dass ich mir das letzten Sonntag selbst anschauen musste!

Fahnen vor dem Musiktheater

Exkurs

1956 gründete der Architekt Werner Ruhnau in Gelsenkirchen ein eigenes Büro und bekam dort den Auftrag für den Bau des Musiktheaters. Zusammen mit Yves Klein, Paul Adams, Paul Dierkes, Norbert Kricke und Jean Tinguely schuf er mit dem großen, vom Bauhaus beeinflussten Theaterbau sein wichtigstes Werk.

Ruhnau und die Künstlergruppe machten die alte Idee der Bauhütte wahr: Man wohnte auf der Baustelle, Ingenieure und Künstler arbeiteten Hand in Hand. Am engsten wurde dabei die Verbindung zu Yves Klein. Der junge Franzose, damals noch weitgehend unbekannt, bekam in Gelsenkirchen die Chance, seine Vision in architektonischem Maßstab umzusetzen, und hinterließ im Foyer seine monumentalen Schwammreliefs in jenem tiefen Ultramarin, das später als „International Klein Blue“ berühmt wurde.

Aus der Arbeit auf der Baustelle wurde mehr als ein Auftrag: Ruhnau und Klein blieben Freunde und entwarfen gemeinsam Ideen für eine „Luftarchitektur“ – Dächer aus Luft, Wände aus Feuer und Wasser. Gebaut wurde davon nichts, aber wer hätte 1959 gedacht, dass ausgerechnet Gelsenkirchen zum Labor der europäischen Avantgarde wird!

Musiktheaterfassade bei Nacht mit blauer Beleuchtung

Ja, wer hätte das gedacht!

Alles ist Blau: der Teppich unter meinen Füßen, die großen Buchstaben B – L – A – U am Eingang, sogar ein guter Teil des Publikums ist entweder komplett blau gekleidet oder hat mit Ansteckern oder blauen Farbtupfern Akzente gesetzt.

Mein Tipp: Lest vorher den Wikipedia-Artikel zu Yves Klein oder googelt mal. Ein paar Infos vorab lassen dich das Stück besser verstehen. Außerdem gibt es an jeder Station im Haus Infotafeln, wo die Zusammenhänge und Hintergrundinfos erläutert werden. Und wenn ihr nichts Blaues im Schrank habt: Egal 😉

Ruhnau, Klein und die Schule der Sensibilität

BLAU greift frei auf Texte von Werner Ruhnau und Yves Klein zurück. Mitte des 20. Jahrhunderts träumten die beiden von einer Utopie, die sie „Schule der Sensibilität“ nannten. Schnipsel daraus tauchen während der Führung immer wieder auf, mal gesungen, mal als Aufnahme. Um dieses Stück überhaupt aufführen zu dürfen, sicherten Jan Dvořák und Thomas Fiedler den Yves Klein Archives zu, dass keine Foto- und Videoaufnahmen gemacht werden, in denen diese urheberrechtlich geschützten Fragmente vorkommen könnten.

Los geht’s!

Der Einlass ist bereits Teil des Programms. Auf blauen Hockern sitzend lausche ich einer Blaskapelle. Ein Kasperletheater spielt vor, mit welchen Verwaltungsproblemen Ruhnau und Klein schon vor sieben Jahrzehnten zu kämpfen hatten. Diese verflixte Baubehörde! Schon hier lohnen sich ein paar Hintergrundinfos – und ein „Sich-darauf-einlassen“. Mich hat’s amüsiert. Und der Donut mit dem blauen Zuckerguss hat auch geschmeckt!

Blaue Donuts

Und dann geht es richtig los: Anke Sieloff betritt als Rektorin der „Schule der Sensibilität“ die Bühne und begrüßt die Schülerschaft – also uns, das Publikum. Wir werden in vier Gruppen den Lehrkräften Frau Kim, Frau Herbst, Herr Gwenxane und Herr Yu zugeteilt, die uns zügig zur jeweils ersten Station geleiten. Ich folge Herrn Gwenxane mit der Gruppe U zum Mausoleum von Yves Klein.

Liegen, lauschen, loslassen

Nach dem Mausoleum geht es ins Kleine Haus, zum „Theater der Leere“: eine Inszenierung ganz ohne Ensemble. Es riecht nach Orange und der Raum füllt sich mit Nebelschwaden – festgebunden seid ihr auch noch!

Danach geht es über die Bühne, durch den Backstagebereich, vorbei an Garderoben und Hinterzimmern zurück ins Foyer. Weil alle vier Führungen gleichzeitig laufen, hörst du von hier aus die anderen Gruppen und ihre Musik mit. Alles greift ineinander, und das Musiktheater selbst wird zum Klangkörper. Das ist natürlich längst nicht alles, aber eigentlich möchte ich euch nicht zu viel verraten 😉

Zum Abschluss kommen alle Gruppen zum Ball bleu zusammen, um die erfolgreiche Absolvierung ihrer Lektionen gemeinsam mit dem Ensemble zu feiern. Für Tanz, Gesang und Gespräche blieb – zumindest am Sonntag – genug Raum, um sich über das Erlebte auszutauschen und zu diskutieren.

Wenn ich gefragt werde, ob es sich lohnt: Machen! Wie gesagt, lest euch vielleicht vorher ein bisschen was über das Leben des Künstlers durch oder achtet auf die Schautafeln an den Stationen. Lasst euch drauf ein. Das Musiktheater in seinen verschiedenen Facetten zu „bereisen“ und den vielen Mitwirkenden aus allen Sparten zu begegnen, hat mich auf jeden Fall abgeholt. Das einzige, was mir komisch vorkam, war die Aussprache von „Yves Klein“ in französisch. Das hörte sich in meinem Ruhrpott-Sprachzentrum einfach falsch an, auch, wenn es sicherlich richtig war 😉 Viel Spaß, wenn ihr hingeht und weiter so ans Musiktheater!

Alle Infos, Termine und Tickets gibt es >>>hier.


„Blau“ – Kommando Himmelfahrt
Musiktheater im Revier, Kennedyplatz, 45881 Gelsenkirchen
Dauer: ca. 2 Stunden 15 Minuten (inszenierter Teil), im Anschluss „Ball bleu“

  • Sa.26.09. 16:00 – 18:15 Uhr | Großes Haus
  • Sa.26.09. 19:15 – 21:30 Uhr | Großes Haus
  • So.27.09. 11:00 – 13:15 Uhr | Großes Haus
  • Sa.03.10. 17:00 – 19:15 Uhr | Großes Haus

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