Gestalten und Entdecken: Das Projekt BauMitQuartier in Ückendorf
Über vier Wochen lang war die Wiese am Wissenschaftspark Gelsenkirchen in den Sommerferien ein offenes Atelier. Wer vorbeikam, konnte bleiben, mitmachen und am nächsten Tag wiederkommen, und genau das haben viele getan. Einen fertigen Plan, was am Ende auf der Wiese stehen sollte, gab es nicht. Und das war genau so gewollt. Ich habe auch an mehreren Tagen vorbeigeschaut und gestaunt, wie viele tolle Ideen der Kinder umgesetzt wurden.
Hinter BauMitQuartier stehen Sina Ebell und Ole-Kristian Heyer mit dem Projekt „Focus on the Good“. Die beiden arbeiten seit 2019 immer wieder zusammen, oft im öffentlichen Raum und immer mit Blick auf den Ort, an dem sie gerade sind. In Ückendorf hieß das: Material und Werkzeug bereitlegen und schauen, was die Menschen aus dem Quartier daraus machen.
Vom Katzenhaus bis zum Licht-Turm
Auf der Wiese wurde gebaut, gemalt, gezeichnet, fotografiert, gedruckt und genäht, dazu kamen Experimente mit Cyanotypie. Über hundert Gemälde, Bilder und Objekte sind so entstanden. Und weil Kinder selten klein denken, wuchs daneben eine ganze Siedlung aus Holz, Pappe und Stoff:
- ein Katzenhaus, ein Vogelhaus und ein Papphaus
- eine Rakete und ein Kiosk
- ein White Cube, der ausdrücklich bemalt werden durfte
- eine Skatebahn, Fußballtore und ein Basketballkorb
- textile Hütten, eine Kinderhöhle und ein Licht-Turm
Mittendrin tauchten auch zwei Tiere immer wieder auf: Igel und Eichhörnchen. Sie stehen für die vergessenen spirituellen Tiere Ückendorfs. Von Woche zu Woche wuchs das Projekt und begeisterte immer wieder vorbeifahrende und -laufende Menschen. Und: es wurde in der ganzen Zeit nichts kaputt gemacht!
Wie fühlt sich eine Wand an?
Ein Teil der Arbeit fand abseits der Wiese statt. Bei Wahrnehmungsspaziergängen ging die Gruppe durchs Quartier und stellte Fragen, die im Alltag meist untergehen: Welche Farben finden wir in den Straßen? Wie fühlt sich eine Hauswand an, was hören wir an der Ecke, und was erzählen die Menschen, die hier wohnen?
Aus diesen Gesprächen und Interviews mit Kindern und Erwachsenen, aus den Geräuschen des Stadtteils und aus historischer Recherche entstand zusätzlich eine Geschichte über Ückendorf.
Sonntags an der langen Tafel
Jeden Sonntag wurde aus dem offenen Atelier ein Treffpunkt für die Nachbarschaft. Beim Quartiersdinner saßen Teilnehmende, freiwillige Künstlerinnen und Künstler, Nachbarinnen und Nachbarn und neugierige Gäste gemeinsam an einer langen gedeckten Tafel. Das Essen kam jede Woche aus einer anderen Gastronomie in Gelsenkirchen.

Hitzeschutz
Die kleine Baumgruppe auf der Wiese vor dem Wissenschaftspark diente glücklicherweise während der vier sehr warmen Wochen als Schattenspender. Drumherum wuchsen Häuschen aus Holzbalken und Karton, die ebenfalls Schutz vor der Sonne boten. Zu den wenigen Regentagen konnte in den Leerstand in der Bergmannstraße 1 ausgewichen werden.

Abbauen gehört dazu
In der letzten Projektwoche haben alle gemeinsam zurück gebaut. Konstruktionen wurden wieder auseinandergenommen, Bretter und Stoffe sortiert. Auch das war Teil der Idee: etwas zusammen entstehen lassen, verändern und wieder abbauen. Ganz verschwunden ist der Sommer trotzdem nicht, denn einige Werke haben einen neuen Platz in Ückendorf gefunden, in privaten Räumen sowie an öffentlich zugänglichen Orten.
BauMitQuartier geht weiter
Wer die Wiese im Sommer verpasst hat, kann dem Projekt gerade an mehreren Stellen in der Stadt begegnen.
Kinderkunst im Großformat: Im Stadtgebiet hängen derzeit mehrere großflächige Plakate mit Werken der Kinder aus dem Sommer. Halt beim nächsten Spaziergang ruhig mal die Augen offen! Die Gestaltung hat die Künstlerin Tania Reinicke übernommen.
„Das Herz von Ückendorf”: Am vergangenen Freitag, 16. Oktober, stand die Geschichte mit der Suche nach dem Herz von Ückendorf im Mittelpunkt einer Lesung beim Familiencafé im HIER IST NICHT DA. Die Autorin Lily Nejad hat dafür bei Quartiersspaziergängen und in Gesprächen mit vielen, vielen Kindern und auch einigen Erwachsenen Geschichten, Gedanken und Eindrücke aus Ückendorf gesammelt.
Sina Ebell las den Text vor, Lily war selbst dabei und beantwortete die Fragen des Publikums: Wie entsteht eine Quartiersgeschichte, woher kommen die Figuren, und wie wird aus Gesprächen und Spaziergängen am Ende ein Buch? Während zugehört wurde, lagen Stifte und Papier bereit, und die Kinder malten Bilder zur Geschichte.
Die könnten bald ein größeres Publikum finden. „Das Herz von Ückendorf” soll in einer kleinen Auflage als Buch erscheinen, und mit ein bisschen Glück schafft es das eine oder andere Bild vom Freitag in die gedruckte Ausgabe.

Ein Trafohäuschen in neuen Farben: Eigentlich sollte BauMitQuartier am Carl-Mosterts-Platz stattfinden. Das Trafohäuschen dort trägt jetzt trotzdem die Handschrift des Projekts: Es hat eine neue, bunte Gestaltung mit dem Titel „focus on the good” bekommen.
Danke!
Als Ole das Projekt beim Netzwerktreffen vor einigen Monaten vorstellte, konnte ich mir noch gar nicht so wirklich was darunter vorstellen. Klar, bauen und basteln mit Kindern und Jugendlichen – aber, was hier in den Sommerferienwochen mit viel Spaß und Enthusiasmus und vor allen Dingen mit Kreativität und Freude entstanden ist, verdient echt einen großen Applaus! Einige Künstlerinnen und Künstler aus dem Quartier beteiligten sich ebenfalls bei der Umsetzung der Bauwerke und ein paar Freiwillige waren immer fleißig an den Werkbänken und an den Bastelstationen im Einsatz. Godana Karawanke zeigte, was sie als zertifizierte Tipi-Bauerin auf dem Kasten hat, Stefan Demming zauberte aus einem alten Rollator einen fahrbaren Igel. Danke an Ole und Sina für das schöne Projekt, das jetzt auch noch im Nachgang die Kinder und Jugendlichen stolz auf ihre Arbeit und ihr Quartier blicken lässt! Und ich hab mir sagen lassen, eine Ausstellung und ein paar Sounds gibt es demnächst auch noch.
BauMitQuartier / Focus on the Good
Kontakt: info@focusonthegood.eu
Projektseite: kreativ-quartiere.rvr.ruhr/…/baumitquartier
Instagram: @___focusonthegood___
BauMitQuartier ist ein Projekt von Focus on the Good, gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW im Rahmen der Kreativ.Quartiere Ruhr und umgesetzt vom Regionalverband Ruhr. Unterstützt wird es von der Stadt Gelsenkirchen, dem Quartiersfonds Bochumer Straße, der Vivawest Stiftung gGmbH, den Stadtwerken Gelsenkirchen, Gelsenwasser, dem Wissenschaftspark Gelsenkirchen und der Stadterneuerung Gelsenkirchen Bochumer Straße.
