Szene aus "Sekret"

Worauf wollen wir noch warten?

SZENIALE 2026 – Festival der freien Künste

Die SZENIALE stellt in diesem Jahr eine Frage, die auf den ersten Blick simpel klingt und sich beim zweiten Hinsehen kaum noch abschütteln lässt: Worauf wollen wir noch warten? Das Kuratorium beschreibt sie als Aufforderung zum Aufbruch, nicht als rhetorische Geste. Am 26. September wird diese Aufforderung in Ückendorf über den ganzen Tag verteilt konkret: in Ateliers, Hinterhöfen, einem Friseursalon, im Gemeinschaftsgarten und auf offener Straße.

Fast 50 Programmpunkte laufen zwischen 11 Uhr morgens und dem Closing am späten Abend. Sieben Festival-Routen weisen verschiedene Wege zu Tanz, Klanginstallation, Fotografie, partizipativen Aktionen, Konzerten. Wer sich durch das Quartier bewegt, merkt schnell: Warten kommt hier fast nirgends im Sinne von Stillstand vor. Es wird eher untersucht, innegehalten, umgedeutet oder aktiviert. Vier Programmpunkte zeigen das besonders deutlich.

Vexations – ein Klavierstück, das die Geduld selbst zum Thema macht

Andreas Fröhling spielt im UmBauLabor Erik Saties berühmtes Klavierstück, das laut Anweisung des Komponisten 840-mal hintereinander wiederholt werden soll. Aus einem wenige Takte langen Motiv entsteht so ein stundenlanger Klangraum, den Besucher*innen betreten, verlassen und wieder betreten können. Zwischen Bauhelmen und Architektenplänen  verändert sich mit jeder Wiederholung das Hören selbst. Wer bleibt, erlebt Warten nicht als Leerlauf, sondern als Instrument der Wahrnehmung.

Klavierflügel
Andreas Fröhling spielt im UmBauLabor Klavier

Consumption – die Frage, wer sich Heilung leisten kann

Leonie Schön nähert sich dem Leitmotiv über ein Thema, das selten im Zentrum steht: Tuberkulose, eine Krankheit, die weltweit noch immer zu den tödlichsten Infektionskrankheiten zählt, obwohl sie in wohlhabenden Gesundheitssystemen kaum noch wahrgenommen wird. Eine dreigeteilte, großformatige Ölarbeit macht die körperliche Dimension der Krankheit sichtbar, ergänzt durch Aquarelle und Texte aus medizinischer, historischer und persönlicher Perspektive. Die Ausstellung fragt unverblümt, wie lange eine Gesellschaft bereit ist, das Warten anderer auf Diagnostik und Therapie hinzunehmen.

Bilderreihe von Leonie Schön zur Tuberkulose
Die großformatige Ölarbeit von Leonie Schön zum Thema Tuberkulose im Schaffensprozess

WIE DU HINEINRUFST – ein Hof wird zum Stimmenwald

Thomas Machoczek und Geremia Carrara verwandeln einen Hof in der Bochumer Straße in eine Klanginstallation aus echten und aufgestellten Pflanzen, durchzogen von einem Grundsound und den aufgenommenen Antworten Gelsenkirchener*innen auf die Frage „Was ist Demokratie?“. Ein Rednerpult mit Mikrofon lädt dazu ein, die eigene Stimme hinzuzufügen. Wer zuhört, erlebt Pluralismus als etwas Hörbares. Wer selbst spricht, beantwortet die Wartefrage des Festivals ziemlich direkt: nicht abwarten, sondern mitreden.

Rednerpult mitten in der Öffentlichkeit - Was ist Demokratie?
„Was ist Demokratie?“ – ein Rednerpult mit Mikrofon lädt dazu ein, die eigene Stimme hinzuzufügen

Sekret – eine Tränen-Bar

Am Abend öffnet in der Location „Eine Gute Adresse“ eine Bar mit besonderem Ausgangsstoff: Drei Performer*innen sammeln die Tränen des Publikums und servieren im Gegenzug Tränencocktails. Ausgangspunkt ist die Parabel eines Nachtfalters, der sich von den Tränen schlafender Vögel ernährt und durch schwindenden Lebensraum neue Nahrungsquellen suchen muss. Die Performance nimmt Weinen als politisches, soziales und körperliches Phänomen ernst und macht aus einer Emotion, die sonst meist verborgen bleibt, einen geteilten Moment.

Szene aus "Sekret"
Tränencocktails in „Eine Gute Adresse“

Programm

Zwischen diesen vier Punkten liegt ein dichtes Programm aus Musik, Ausstellungen und Mitmachformaten: von der Kunststoffspinnerei, bei der Besucher*innen gemeinsam mit recycelten PET-Flaschen weben, über das Radioballett mit Funkkopfhörern auf dem Frankeplatz bis zu den beiden Closing-Konzerten der Motherfunkers und von PADISTRA am Abend in der Heilig-Kreuz-Kirche. Der gemeinsame Nenner ist über den ganzen Tag spürbar: Die SZENIALE beantwortet ihre eigene Frage nicht mit einem Statement, sondern mit einem Programm, das zum Mitmachen auffordert.

Alle Programmpunkte sind kostenlos zugänglich, verteilt über sieben Festival-Routen durch Ückendorf. Die vollständige Übersicht mit allen Orten und Zeiten findet ihr im Festivalprogramm. Online unter https://szeniale.ruhr/spielplan/, gedruckt bald schon im Umlauf.

Die Szeniale feiert Eröffnung am 25.09.2026 in der Heilig-Kreuz-Kirche ab 18:30 Uhr.
Der Hauptfestival-Tag beginnt am Samstag, den 26.09.2026 um 11 Uhr.

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