Schauspieler Nils Höddinghaus
|

Woyzeck in der flora: Zwei Freunde, drei Stühle und ein Rap mit Augenzwinkern

Drei Stühle, eine Schneiderpuppe, zwei Schauspieler: Mehr brauchen Nils Höddinghaus und Julian Dietz nicht für Georg Büchners „Woyzeck“. Am 9. und 10. Oktober spielen die beiden ihre Fassung im Kulturraum „die flora“. Das Stück ist ab 14 empfohlen und gerade für Oberstufenklassen interessant, die Woyzeck sowieso auf dem Lehrplan haben. Ticketpreise und Infos findet ihr zusammengefasst am Ende des Artikels!

Nils spielt den Woyzeck, Julian macht die Musik, alle übrigen Rollen teilen sie sich. Ich habe die beiden vorab gefragt, wie das funktioniert, was Rap mit Büchner zu tun hat und warum ein älteres Ehepaar nach der Vorstellung erst mal durchatmen musste.

Wie habt ihr beide zueinander gefunden, und seit wann arbeitet ihr als Duo?

Nils: Wir haben uns 2015 am Jungen Staatstheater Parchim kennengelernt und ziemlich schnell angefangen, zusammen Musik zu machen und Theater zu spielen. Dass wir so ein gutes Team sind, überrascht uns im Grunde jedes Mal aufs Neue, wenn wir wieder etwas zusammen machen. Wahrscheinlich hilft es sehr, dass wir auch sehr gute Freunde sind.

Julian: Neben der Schauspielerei sind wir dann auch über die Musik Freunde geworden.

Drei Stühle, eine Schneiderpuppe, zwei Schauspieler. Wie kam es zu dieser radikalen Reduktion?

Nils: Die radikale Reduktion ist vor allem unserem geringen Budget entsprungen. Wir haben zu zweit alles selbst gemacht und besorgt, von den Requisiten bis zu den Kostümen. Dazu musste alles noch ins Auto passen, weil von Anfang an klar war, dass wir das Stück an vielen verschiedenen Orten spielen wollen. Ziemlich schnell wurde aber auch klar, dass die Reduktion dem Stück selbst zugutekommt.

Julian: In dieser Reduktion liegt auch eine Art Befreiung oder zumindest eine Aufforderung, kreativ zu werden. Ich glaube, erst wenn wir gelernt haben, mit wenigen Mitteln große Geschichten zu erzählen, kann auch das Drumherum größer werden. Ich mag es, dass wir dadurch weniger Platz haben, uns hinter etwas zu verstecken. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Ist das Reduzierte euer Markenzeichen?

Nils: Es ist nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung, aber ja, das Reduzierte scheint uns gut zu liegen. Man entwickelt sich weiter und probiert mit jedem Projekt neue Dinge aus. Am Ende kommen wir aber oft überein: Weniger ist (meistens) mehr.

Julian: Als Markenzeichen würde ich eher unseren Umgang mit Musik bezeichnen und dass wir moderne Themen und teils eigene Texte einbringen.

Woyzeck ist fast 200 Jahre alt und nie fertig geschrieben worden. Was macht dieses offene Stück für euch heute so aktuell?

Nils: Wir haben in der Corona-Zeit angefangen, an unserer Fassung zu schreiben. Der erste Gedanke war: Wie kann man den Leuten jetzt so was zeigen wollen? Wäre etwas „Positiveres“ nicht besser? Beim Schreiben wurde aber schnell klar, dass Themen wie soziale Ungleichheit oder psychische Überforderung unglaublich aktuell sind und man den Leuten das „zumuten“ kann, vielleicht sogar muss.

Und dann hat sich gezeigt, dass gerade das Fragmenthafte großartig für uns ist. Es hat uns unglaublich viel Freiheit gegeben, Szenen aufzubrechen, zu verschieben, aktueller zu machen und mit unseren eigenen Ideen wieder zusammenzufügen.

Ihr spielt zu zweit sämtliche Rollen. Wie funktioniert das, und auf welchen Rollenwechsel freut ihr euch am meisten?

Nils: Das funktioniert erstaunlich gut. Bei der Premiere waren wir fast selbst überrascht, dass unsere schnellen Rollen- und Szenenwechsel so gut aufgehen. Von Anfang an war klar, dass die Woyzeck-Rolle und die des Musikers fest verteilt sind: Ich spiele Woyzeck, Julian macht die Musik. Einen kleinen Anker braucht man, sonst geht alles durcheinander. Ich liebe vor allem Julians Wechsel vom Musiker zum Tambourmajor. Der findet in Zeitlupe statt, und er macht das herrlich.

Julian: Ich freue mich jedes Mal aufs Neue auf Nils’ Wechsel in der Szene zwischen Woyzeck und dem Hauptmann. Da spielt er beide Rollen, wortwörtlich gleichzeitig. Es ist immer wieder herrlich, dem Publikum dabei zuzusehen, wie es versteht, wie unsere Rollenwechsel funktionieren.

Von der Ballade bis zum Rap: Wie kam die Musik ins Stück, und was hat Rap mit Büchners Sprache gemeinsam?

Nils: Was Rap und Woyzeck gemeinsam haben, weiß ich gar nicht. Wahrscheinlich nicht allzu viel. Uns war aber von Anfang an klar, dass dieses Stück Musik braucht. Es gibt keinen großen Spannungsbogen, der die Geschichte trägt. Deshalb wollten wir vor allem mit der Musik eine Art dunkles, atmosphärisches Gemälde malen, in dem die Zuschauenden ganz unterschiedliche Dinge sehen und fühlen können.

Julian: Uns war immer klar: Wenn wir zusammen eine Inszenierung machen, müssen unsere Erfahrungen als Band mit einfließen. Musik ist ein sehr mächtiger Katalysator, gerade bei so düsteren Themen, deshalb haben wir versucht, dieses Mittel möglichst vollständig auszukosten. Dazu gehört auch, die bedrückende Stimmung mal durch Komik zu durchbrechen, zum Beispiel mit dem Rap. Der ist mit einem sehr großen Augenzwinkern inszeniert und sorgt bei Schüler:innen fast immer für eine Reaktion, meistens irgendwo zwischen Belustigung und Cringe. Genau da wollen wir an dieser Stelle des Stücks sein.

Das Stück ist ab 14 empfohlen. Was aus Woyzeck erkennen junge Leute in ihrer eigenen Welt wieder?

Nils: Selbst wir merken am eigenen Leib, dass die Zeit, in der wir leben, keine einfache ist. Alle sozialen, politischen oder privaten Themen werden immer wieder online verhandelt und dann in die eigene Echokammer gepustet. Ich glaube, man ahnt manchmal gar nicht, was das mit jungen Menschen machen kann.

Dieser Druck, der permanent auf einem lastet, steckt genauso in der Geschichte von Woyzeck. Ich hoffe und merke es auch beim Spielen, dass man im Laufe des Stücks etwas davon ablassen kann. Wenn man dabei Mitgefühl empfindet, beweist das ja, dass man etwas nachempfinden kann. Es ist echt toll, dass wir junge Menschen mit unseren kleinen Mitteln damit erreichen.

Julian: Wir wollen kein grenzenloses Verständnis für Woyzeck, den Täter, erzeugen. Wir versuchen aber, seine Zerrissenheit und Überforderung herauszuarbeiten, Woyzeck als Opfer seiner Umstände. Mit diesen Gefühlen, mit der Überforderung und dem Erstarren vor einem Schicksal, das sich nicht ändern lässt, können auch junge Erwachsene schon etwas anfangen.

Warum ins Theater, wenn es das Reclam-Heft gibt? Was würdet ihr einer Lehrkraft sagen, die überlegt, mit ihrer Klasse zu kommen?

Nils: Ich weiß von mir selbst, dass ich in der Schule immer die Dinge toll fand, die mich etwas angegangen sind und berührt haben. Nur das Lesen und Durcharbeiten kann, ähnlich wie bei uns am Anfang, auch einfach öde sein und ein Gefühl auslösen wie: „Lass mich doch mit dieser Depri-Kacke in Ruhe.“ Wenn man unser Stück gesehen hat, hat man im besten Fall danach nochmal Bock, Dinge nachzulesen oder genauer zu checken, weil sie einen emotional berührt haben und plötzlich etwas mit einem selbst zu tun haben.

Julian: Dem kann ich mich nur anschließen. Selbst als wir mit der Arbeit anfingen und ich den Stoff nur las, hatte ich Mühe, den Sinn dahinter zu verstehen. Die Erfahrung auf der Bühne, diese tiefere Immersion, hilft sehr, die Essenz des Stückes zu verstehen. Oder zumindest die Essenz, die wir in diesem Text gefunden haben.

Mitgefühl, das erschreckt

Was hat euch an der Figur Woyzeck am meisten bewegt oder erschreckt?

Nils: Mich hat beim Spielen überrascht, vielleicht sogar erschreckt, wie viel Mitgefühl ich mit unserem Woyzeck habe. Er ist ein trauriger Mensch, und davon gibt es viele auf dieser Welt. Das berührt mich.

Julian: Das sehe ich genauso. Es erschreckt mich jedes Mal aufs Neue, wie sehr ich mit diesem Woyzeck mitfühle und seine Entwicklung als unvermeidbar sehe. Angesichts des Femizids, den unser „Held“ begeht, bleibt einem da manchmal die Spucke weg. Diesen Aspekt wollen wir selbstverständlich nicht verteidigen. Uns wurde schnell klar, dass wir uns als die beiden Männer, die wir nun mal sind, nicht auf das sehr wichtige Thema Femizid konzentrieren wollen. Wir wollen den stetigen Verfall dieses tragischen Menschen einfangen, der im Prinzip nur Geld verdienen möchte, um seine kleine Familie zu ernähren.

Wie hat das Publikum bisher reagiert?

Nils: Meine liebste Reaktion kam von einem alten Ehepaar, das beim Rausgehen geschnauft hat. Einer sagte zum anderen: „Puh, Donnerwetter, nächstes Mal gucken wir dann aber lieber wieder was Lustiges.“ Ich habe manchmal den Eindruck, dass viele Menschen eine Art Gefühls-Firewall aufgebaut haben und sich nicht trauen, auch mal in den Abgrund zu schauen. Bei uns guckt man in den Abgrund. Hoffentlich.

Gibt es ein Theatererlebnis aus eurer Jugend, das euch bis heute geprägt hat?

Nils: Mein Schlüsselmoment war im Dramakurs in der 11. Klasse. Ich stand als Holzapfel in Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ auf der Bühne und wusste zum ersten Mal in meinem Leben: Das kann ich, das macht tierisch Spaß. Noch früher habe ich, in Ahlen glaube ich, ein Kindermusical gesehen. Das hieß „Game Over“, und ich wollte unbedingt so sein wie der Hauptdarsteller.

Julian: Mit 17 konnte ich „Mutter Courage und ihre Kinder“ im National Theatre in London sehen. Eine zutiefst „brechtige“ Inszenierung, von der ich noch heute, 15 Jahre später, zehre und an die ich mit tiefster Ehrfurcht und Faszination zurückdenke. Mindestens genauso oft erinnere ich mich aber an „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind, ungefähr zur selben Zeit, und zwar an die englische Musicalversion „Spring Awakening“ im English Theatre in Frankfurt. An diesen Abend denke ich besonders häufig, wenn es um eindrucksvolle, reduzierte Mittel geht.

Quasi ein Heimspiel

Seid ihr neugierig auf Gelsenkirchen? Wart ihr schon einmal hier?

Nils: Ich bin in NRW aufgewachsen, habe dort aber kaum Theater gespielt. Julian wohnt inzwischen in Castrop-Rauxel, es ist also quasi ein Heimspiel. Wir freuen uns sehr auf die Stadt und auf unsere Vorstellungen.

Julian: Genau, ich wohne seit über zwei Jahren in Castrop-Rauxel und habe mich direkt unsterblich ins Ruhrgebiet verliebt. In Gelsenkirchen war ich erst einmal, nur ganz kurz. Ich freue mich darauf, neben dem eindrucksvollen Schloss Horst noch weitere Ecken kennenzulernen.

Was bleibt nach dem Abend?

Nils: Ich würde mich freuen, wenn sich die Sicht auf die Dinge ein kleines bisschen verändert und die jungen Leute anders aus dem Theater gehen, als sie reingekommen sind.

Julian: Ich wünsche mir, dass sie mit einem besseren Verständnis für ihr Abiturthema nach Hause gehen und das ihnen bei der Prüfung hilft. Wenn sie außerhalb des Unterrichts noch etwas aus unserer Inszenierung schöpfen können, ist das für mich unbeschreiblich wertvoll.

Infos & Tickets

Woyzeck mit Nils Höddinghaus und Julian Dietz
Wann: Freitag, 9. Oktober & Samstag, 10. Oktober, jeweils 19:30 Uhr
Wo: Kulturraum -die flora-, Florastraße 26, 45879 Gelsenkirchen
Tickets: 12 € / erm. 10 €
Stadt- und Touristinfo im Hans-Sachs-Haus (Ebertstraße 11),
Reservierung per Mail unter flora@gelsenkirchen.de
Ab 14 Jahren.

Ähnliche Beiträge