Installation im Kunstmuseum Gelsenkirchen: Ein Hauch von Bibliothek
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„Das Museum als Dorf begreifen“

Ein Gespräch mit Kuratorin und Künstlerin Lisa Klosterkötter

Lisa Klosterkötter lebt und arbeitet hauptsächlich in Köln, ist aber viel unterwegs: mal Hamburg, Ruhrgebiet, Berlin. Sie hat Bildende Kunst und Germanistik studiert und arbeitet heute als Kuratorin mit künstlerischem Hintergrund, gerne im öffentlichen Raum, aber auch an institutionellen Schnittstellen und meist in enger Zusammenarbeit mit anderen. Für das Kunstmuseum Gelsenkirchen hat sie das Projekt „Ein Dorf“ entwickelt, das durch die Verleihung des Förderpreises der Kunststiftung NRW möglich war. Ein Gespräch über partizipative Projekte, Kollaborationen und Kunst als transformative Kraft.

Lisa Klosterkötter
Künstlerin Lisa Klosterkötter | Foto: Jakob Engel

Du lebst in Köln, arbeitest in Hamburg, hast Projekte im Ruhrgebiet. Wie viel Zeit verbringst du unterwegs?

Das ist immer unterschiedlich. Wenn man das Ruhrgebiet, in dem ich mich sehr heimisch fühle, mit einrechnet, würde ich sagen: fifty-fifty. Fünfzig Prozent in Köln, fünfzig Prozent an anderen Orten. 

Wie bist du zur Arbeit in Gelsenkirchen gekommen? Hattest du vorher schon einen Bezug zur Stadt?

Es gab einen kleinen Anknüpfungspunkt: Akın Şipal, ein Autor, den ich noch aus dem Studium kenne. Er ist nach Gelsenkirchen zurückgekehrt und war unser erster Andockpunkt. Mit meinen Kolleginnen Paula Erstmann und Paulina Seyfried habe ich 2024 das Projekt Bedarfsgemeinschaft gegründet, und wir haben uns für das Ruhrgebiet als Projektort entschieden, weil es dort eine sehr plurale Gemeinschaft gibt, und weil es nah an Köln ist. Wir wollten regelmäßig wiederkommen können, weil uns die Anwesenheit und der rege Austausch mit den Menschen vor Ort wichtig waren. Wir haben dann Gelsenkirchen, Recklinghausen und Herne ausgewählt. 

Was ist das Grundprinzip der Bedarfsgemeinschaft?

Der Name sagt eigentlich schon alles. Es geht darum, auf tatsächliche lokale Bedarfe einzugehen. Welche Themen sind gerade vorherrschend in bestimmten Regionen, Straßen, Wohnhäusern, Nachbarschaften? Und wie kann man darauf künstlerisch reagieren?

Im Zuge des Projektes Bedarfsgemeinschaft wollen wir weniger den klassischen vermittelnden Weg einschlagen, indem zuerst ein Kunstwerk entsteht und dann versucht wird, es durch Workshops oder Führungen zu erklären. Stattdessen gehen wir mit Künstlerinnen und Künstlern an einen Ort und entwickeln gemeinsam mit der Community, mit Vereinen oder Einrichtungen etwas Eigenständiges. Etwas, das orts- und situationsspezifisch ist.

Wie bist du dann zum Kunstmuseum Gelsenkirchen und dem Projekt Ein Dorf gekommen?

Das war eine schöne Überraschung. Ich habe eines Tages die Mitteilung erhalten, dass mir der Förderpreis der Kunststiftung NRW verliehen wird. Von Anfang an war klar, dass der Austragungsort das Kunstmuseum Gelsenkirchen als Kooperationspartner für den diesjährigen Kunstpreis der Kunststiftung NRW sein würde. Ich konnte frühzeitig damit beginnen, das Haus zu begehen und zu erkunden und mir ein Konzept zu überlegen, das ich im Zuge des Förderpreises umsetzen wollte.

So wie ich meistens vorgehe, habe ich geschaut, welche Aspekte und Andockpunkte ich vor Ort bereits vorfinden konnte, welche Geschichte die Architektur birgt, welche Erzählungen in die gebaute Umgebung eingeschrieben sind. Ich arbeite in erster Linie ortsspezifisch. Selten habe ich zuerst ein Thema und suche dann einen Ort dafür.

Lisa Klosterkötter bei ihrer Performance am Eröffnungstag
Lisa Klosterkötter bei ihrer Performance am Eröffnungstag |
Foto: Bozica Babic, Kunststiftung NRW

Was hat dich am Kunstmuseum begeistert?

Das Gebäude hat bereits eine Art Dorf-Struktur, wenn man genau hinschaut. Es gibt einen Vorplatz, der sich zur Straße öffnet, fast wie ein Marktplatz. Dann den Neubau, die Villa, einen kleinen Museumsgarten, Balkone, die auch von der Öffentlichkeit genutzt werden können. Das gesamte Außengelände ist 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche zugänglich, und wird wirklich genutzt: Leute essen Eis, verbringen ihre Mittagspause dort, Schülerinnen und Schüler von der Schule nebenan hängen einfach rum.

Das Museum nimmt keinen Eintritt. Vieles, was große Museen gerade händeringend versuchen, herzustellen, ist dort in der Architektur der frühen 1980er Jahre im Sinne eines vielstimmigen Kulturzentrums mitgedacht worden. Außerdem gibt es auch ein sehr ausgeprägtes kunstpädagogisches Programm und Werkräume, die im Rahmen der Vermittlungsangebote des Museums genutzt werden – von Ferienprogrammen über Kreativworkshops für Kitagruppen und Schulklassen bis zu Kindergeburtstagen ist alles dabei.

Daher der Titel Ein Dorf?

Genau. Ein Dorf ist für mich zunächst eine vereinfachte, romantisierende Vorstellung von demokratischem Zusammenleben. Im Zuge meiner Auseinandersetzung mit der Sammlung des Museums bin ich zudem auf eine Auswahl von Marc-Chagall-Bilder gestoßen, die auch Dorfszenen, Vogelperspektiven auf Dächer und Straßenzüge, eine hoffnungsvolle Utopie von Zusammenleben zwischen ländlichem Raum und Großstadt zeigen. Diese historischen Drucke konnte ich neben anderen Arbeiten in meine Installation im Kunstmuseum Gelsenkirchen integrieren. 

Das Projekt hat drei Teile. Wie sind sie aufgebaut?

Es gibt drei Kapitel. Der erste Teil – am Tag der Eröffnung – etablierte sozusagen den Marktplatz mit surrealistischen, fragmentarischen Monologen und Kurzgeschichten, einer Performance und Lesungen. Akın Şipal und Corinne Riepert haben eigene Texte gelesen, Signe Raunkjaer hat einen Song performt.

Der zweite Teil fand am 21. Mai statt. Bei dem literarischen Spaziergang „Über den Dächern“ war die neue Literaturzeitung aus dem Ruhrgebiet, die BRACHE, involviert. Drei Autorinnen mit Ruhrgebietsbezug haben Texte gelesen, die auch in der BRACHE veröffentlicht wurden. Sie widmeten sich eher den Rissen und Ambivalenzen in dieser vorhin beschriebenen romantischen Vorstellung: Wo gibt es Verletzlichkeiten in einem Gemeinschaftskonstrukt? Die Lesungen waren eingebettet in einen kleinen Spaziergang, der das Publikum an drei Orte rings um das Museum führte.

Der dritte Teil wird das Sommerfest am 12. Juli sein. Es wird ein Kinderprogramm stattfinden, angeleitet von einer Kostümdesignerin, die mit Kindern aus Gelsenkirchen ein von den Chagall-Bildern inspiriertes Wesen erschaffen wird: Es wird dann in einem Gemeinschaftskostüm um das Museum herumkriechen. Daneben wird es verschiedene teilweise partizipative künstlerische Beiträge geben, u.a. eine kulinarische Intervention der Berliner Künstlerinnen Paula Erstmann und Jasmine Parsley. 

Ein Teil fehlt noch: Was ist mit der Textilbibliothek, der pinken Installation im Inneren des Museums? 

Die Arbeit heißt Ein Hauch von Bibliothek und ich habe sie zusammen mit den Künstlerinnen Gesa Kolb und Corinne Riepert konzipiert und umgesetzt. 

Der Ausgangspunkt war folgender: Ursprünglich war als Teil des Museumsbaus, das damals als Kulturzentrum geplant war, auch eine Bibliothek vorgesehen. Sie konnte aber nicht realisiert werden, weil das Geld nicht gereicht hat. Mein Traum ist es, dass kulturelle Orte und Bildungszentren wie Stadtteilbibliotheken und Ausstellungsräume stärker miteinander verschmelzen. Dass in Bibliotheken Kunstwerke hängen, dass Kunst an zugänglicheren Orten stattfindet. Diese nie gebaute Bibliothek haben wir dann als Idee, als „Hauch“ in das Museum temporär eingenäht. Deswegen auch das Textile. Es ist eine Anmutung einer Bibliothek, weich und lieblich. Übergezogen wie eine Husse. Dort gibt es echte Bücher in den textilen Regalen, die u.a. zusammen mit dem Gelsenkirchener Buchladen Readymade ausgewählt wurden. Die textile Bibliothek kann von allen Besucher*innen genutzt werden. 

Installation im Kunstmuseum Gelsenkirchen: Ein Hauch von Bibliothek
Foto: Bozica Babic, Kunststiftung NRW

Und warum pink?

Ehrlich gesagt, das war eher ein kleiner Unfall. „Ein Hauch von Rosa”, das war die ursprüngliche Vorstellung, aus der wir Ein Hauch von Bibliothek abgeleitet haben. Es sollte eine gastliche, einladende, anregende und beruhigende Stimmung erzeugt werden, ein immersiver Raum geschaffen werden, in den man eintauchen kann. Aber beim Selbstfärben der Stoffe ist es sehr pink geworden. Daher gibt es jetzt ein Spektrum zwischen Rosa und Pink. Interessant ist, wie polarisierend die Farbe Pink bei manchen – vor allem älteren – Besucherinnen und Besuchern ankommt und wie sie bewertet wird: Weiblich, verspielt und lieblich. Das hat mich schon sehr überrascht, für mich bedeutet die Farbe sehr viel mehr als das. 

Was wünschst du dir, was die Menschen aus diesem Projekt mitnehmen?

Dass das Museum und sein Gelände als Dorf begriffen werden. Als Ort, wo man Zeit verbringt, liest, isst, sich kreativ ausdrückt, zusammenkommt. Kunst als Katalysator, der neue Perspektiven auf das eigene Leben, auf Gemeinschaft, auf die Zukunft eröffnen kann. Das Bild des Wimmelbuches hatte ich dabei im Kopf. Dieser hoffnungsvolle, fröhliche Blick, den Chagalls Bilder auch haben. Nicht naiv, aber zuversichtlich.

Ich wünsche mir, dass das Fest im Juli ein Raum ist, wo viele mit unterschiedlichen Bedürfnissen gleichzeitig Zeit verbringen können. Wo man zuschauen oder mitmachen kann. Wo es etwas zu essen gibt. Denn Essen bringt Menschen überall und immer auf leichtfüßige Weise zusammen. 


Wer das Museum besucht, trifft dort auch auf Michael Beutler – den Träger des Nam June Paik Awards 2026. Der Berliner Künstler hat die historische Villa des Hauses in eine Werkstatt verwandelt: Altpapier wird mit selbstgebauten Werkzeugen zu skulpturalen Objekten verarbeitet, der Produktionsprozess ist Teil der Arbeit. Am 2. Juli lädt Beutler ein, die Papiermühle seiner Installation Tapetenwechsel selbst zu aktivieren und Papier zu schöpfen.

Das Projekt Ein Dorf ist auch nach dem performativen Sommerfest am 12. Juli noch bis zum 16.08.2026 im Kunstmuseum Gelsenkirchen zu erleben.

Das Gespräch führte Kirsten Lipka

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