Verlagsdebüt in der Herrenumkleide
Sophia Merwald liest im Jahnbad aus ihrem neuen Buch
Es regnet. Ich packe meinen Campingstuhl und einen Schirm ein und fahre ins Freibad! So geschehen am vergangenen Samstag in Heßler. Anlass war Sophias Merwalds Präsentation ihres neuen Buchs „Der Tag von oben“, taufrisch erschienen im ebenfalls neuen Verlag „sirren“ von Lukas Hermann.
Die Autorin
Sophia Merwald, Autorin aus München, ist keine Unbekannte in Gelsenkirchen. Als Stadtschreiberin des Jahres 2025 war sie drei Monate an der Bochumer Straße untergebracht. Von dort erkundete sie ihre Umgebung, finalisierte ihren ersten Roman „Sperrgut“ und suchte zum Ausgleich zwischendurch ein Freibad, in dem sie ihre Bahnen ziehen konnte. Fündig geworden ist sie im Jahnbad, und dieser Ort hatte maßgeblichen Einfluss auf den Text, den sie im Rahmen ihrer Residenz verfasst hat. Daraus ist in Zusammenarbeit mit Lukas „Der Tag von oben“ entstanden. 100 Seiten stark, mit 30 fotografischen Eindrücken aus der Stadt.

Der Verleger
Lukas kennt ihr vielleicht schon aus der Ückendorfer Buchhandlung readymade. Umtriebig wie ein ganzer Bienenstock organisiert er verschiedene Festival- und Musikformate, macht eigene Musik, ist Veranstalter, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „BRACHE“ und ja, jetzt auch noch Verlagsinhaber.
Der Ort
Die Location hätte besser nicht gewählt sein können. Es kamen so viele Menschen, dass die Herrenumkleide des Jahnbads aus allen Nähten platzte. Diese war kurzerhand zum Präsentationsort umfunktioniert worden und bot eine ganz besondere Atmosphäre. Ich saß auf einer Holzbank zwischen den Metallspinden, zwei Plastikhaie starrten von den fliederfarbenen Kabinen auf mich herab. Die Wände schimmerten in türkis, draußen prasselte der Regen gegen die Fenster und alle warteten gespannt auf den Beginn der Lesung.

Die Präsentation
Sophia las drei längere Passagen aus ihrem Buch, abgewechselt durch Gespräche mit Lukas zur Entstehungsgeschichte ihrer Zusammenarbeit. Mit einigem Abstand zu ihrem Abschlusstext als Stadtschreiberin war es ihr wichtig diesen so umzuschreiben, dass sowohl Menschen aus Gelsenkirchener als auch von außerhalb ihn verstehen können. Auch an der richtigen Mischung aus Information und Fiktion feilte sie nachträglich.
„Ich habe in meinem Text über Gelsenkirchen versucht, ein Maß zu finden, aus all den unterschiedlichen Begegnungen, die ich hier gehabt habe, aus meinem Wissen und aus meinem Gefühl zu dieser Stadt – und trotzdem ganz viele Stimmen einfließen zu lassen“, erklärt sie zu dem Entstehungsprozess ihres Textes.
Parallel war in der Damenumkleide eine kleine Ausstellung zu sehen – 15 Fotografien von Gelsenkirchen: Backsteinmauern, Toreinfahrten, der Blick über Dächer. Bilder mit einem suchenden Blick und ab und an einem Lila- oder Rosastich, wie Sophia verrät. Manchmal tut der Realität vielleicht das Unwirkliche ganz gut, sagt sie. Um den Fokus zu verändern, andere Blickwinkel zuzulassen. 30 dieser Fotografien sind im Buch abgedruckt.
Am Schluss gab es tosenden Applaus, für Autorin und Verleger gleichermaßen.
Das Buch
Gestaltet hat den Band die Essener Agentur smile, und schon beim ersten Durchblättern fällt auf: Das Innenlayout bricht mit dem Gewohnten. Sätze und Zitate stehen oft ganz allein auf der Seite, Flächen bleiben bewusst leer, manche Bilder sind mit Text ergänzt, andere nicht. Auffälligstes Detail: Der Buchrücken ist offen, die Fadenbindung liegt frei – kein Zufall, sondern eine Anspielung auf die Entstehungsgeschichte.
Denn angefangen hat alles mit einem selbst gebundenen Fotoband, den Merwald ursprünglich als Geschenk für einen Freund gedruckt hatte. Gezeigt hat sie ihn dann in Lukas Buchhandlung. „Ich hatte Sophias Abschlusslesung in der flora besucht und fand den Text schon so gut. Die Fotos dazu haben dann den entscheidenden Ausschlag gegeben“, erinnert er sich. Aus dieser Begegnung wurde eine echte, partnerschaftliche Zusammenarbeit – und genau das, sagen beide, habe die Veröffentlichung zu etwas Besonderem gemacht.
Nass geworden ist an diesem Abend übrigens niemand. Die Location, das stand am Ende fest, hätte kaum treffender gewählt sein können. Wer noch Zeit hatte, blieb da, während Sophia signierte und sich mit den Gästen unterhielt.
Auch fürs Jahnbad selbst war der Abend ein Gewinn. „Dass die Veröffentlichung zeitlich zum Saisonende geklappt hat, ist ein perfektes Timing“, freute sich Pressesprecher Jan Dannert.

Das Buch könnt ihr übrigens ab sofort kaufen: Online bei sirren oder vor Ort bei readymade. Als Bonbon gibt es aktuell noch 20 signierte Exemplare, die in der Buchhandlung auf interessierte Abnehmer*innen warten. Schnell hin!
